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Warum Verantwortung schon vor der Inbetriebnahme einer Anlage beginnt.

Publiziert 02 September 2026

Industrielle Verarbeitungsanlage mit Edelstahltanks und Dampfsystemen.

Wir sprechen mit Mohammad Masroor Ali, Prozessingenieur bei BakerHicks, darüber, warum Nachhaltigkeit schon lange vor der Inbetriebnahme einer Anlage beginnt, wie technische Entscheidungen die Umweltbelastung beeinflussen und warum verantwortungsbewusstes Design bedeutet, frühzeitig die richtigen Fragen zu stellen. 

Als sich der Rhein rot färbte

Im November 1986 brach in einem Chemielager in Schweizerhalle bei Basel ein Brand aus. Während der Löscharbeiten gelangte verunreinigtes Wasser in den Rhein, was flussabwärts zu erheblichen Verschmutzungen führte und die Wasserfauna schädigte. Der Vorfall wurde zu einem der bekanntesten Industrie- und Umweltunfälle Europas und löste eine breite Debatte über die  Sicherheit und Umweltverantwortung in der chemischen Industrie aus.

Der Vorfall in Schweizerhalle hat vielen Menschen deutlich gemacht, wie eng Industriebetrieb und Umweltschutz miteinander verbunden sind. Er hat gezeigt, dass selbst kleinste Details wie Prozessparameter, Wartungsarbeiten oder die Kommunikation während des Betriebs weitreichende Folgen haben können, wenn die Risiken innerhalb des Gesamtsystems nicht richtig verstanden und gesteuert werden. 

Nachhaltigkeit ist eine Systemfrage

Nachhaltigkeit wird häufig mit CO₂-Reduktion, Energiewende oder regulatorischen Vorgaben in Verbindung gebracht. So wichtig diese Themen auch sind, sind sie nur ein Teil einer viel umfassenderen Herausforderung.

Die Umweltbilanz einer Anlage wird durch die Entscheidungen geprägt, die in ihrer Konzeption, ihrem Betrieb und ihrer Wartung fliessen – von der Effizienz, mit der sie Energie und Ressourcen nutzt, über den Materialfluss im Prozess, die Kontrolle von Emissionen und Abfällen bis hin zur Fähigkeit des Systems, sicher und zuverlässig auf sich ändernde Bedingungen zu reagieren.

Deshalb sollte Nachhaltigkeit nicht als etwas betrachtet werden, das vom Ingenieurwesen getrennt ist. Sie ist keine letzte Schicht, die erst hinzugefügt wird, wenn eine technische Lösung bereits feststeht. Sie ist Teil des Systems selbst.

Wie Mohammad Masroor betont: «Wir alle arbeiten in Branchen, in denen Planungsentscheidungen die Umweltbilanz über Jahrzehnte beeinflussen können. Wir gestalten auch Prozesse, die energieeffizient sein können – oder eben nicht. Wir haben also immer die Wahl.»

Diese Wahl betrifft auch Sicherheit und Risiko. Industrielle Systeme werden immer mit einem gewissen Mass an Unsicherheit verbunden sein. Gutes Engineering reduziert diese Risiken jedoch durch klare Abläufe, zuverlässige Schutzmassnahmen, einen disziplinierten Betrieb und Anlagenkonzepte, die berücksichtigen, wie sich eine Anlage unter realen Bedingungen tatsächlich verhält.

Die unsichtbare Wirkung des Process Engineering

Ein Grossteil des ökologischen Nutzens, der durch Process Engineering geschaffen wird, ist nicht sofort erkennbar. Niemand sieht die Emission, die vermieden, die Energie, die eingespart, oder die Abfallmenge, die reduziert wurde. Ebenso wenig sichtbar ist das Risiko, das nie zu einem Vorfall wurde.  Doch genau hier kann Engineering die bedeutendste Wirkung entfalten.

Die richtige Lösung ist dabei selten universell. Eine Technologie, die an einem Standort gut funktioniert, kann an einem anderen ungeeignet sein. Der Zugang zur Infrastruktur, Transportwege, verfügbare Energiequellen, Lagermöglichkeiten und betriebliche Einschränkungen – all das beeinflusst, was machbar ist.

Prozessingenieure prägen entscheidend, wie ein System funktioniert. Sie berechnen den Energiebedarf einer Anlage, ermitteln, wo Ressourcen verbraucht werden, prüfen, wo die Effizienz gesteigert werden kann, und entwickeln Lösungen, die genau auf den jeweiligen Prozess, den Standort und die Kundenanforderungen zugeschnitten sind. In jedes Projekt bringen sie dabei eine besondere Verbindung aus neuen Denkansätzen und fundierter Erfahrung ein. 

Von der Kostenhürde zum langfristigen Mehrwert

Eine der grössten Herausforderungen industrieller Nachhaltigkeit liegt in der Lücke zwischen Anspruch und Umsetzung. Unternehmen können klare Nachhaltigkeitsziele verfolgen – in der Praxis werden Entscheidungen jedoch ebenso von Investitionskosten, Betriebskontinuität, Zeitplänen und Rentabilitätserwartungen bestimmt.

Nachhaltigkeit muss deshalb mit der wirtschaftlichen Realität vereinbar sein. Wird sie erst spät berücksichtigt, erscheint sie oft als zusätzlicher Kostenfaktor – eine Nachrüstung, ein zusätzliches System, eine Compliance-Anforderung oder eine Korrektur an einem bestehenden Prozess. Wird sie hingegen von Anfang an eingebunden, wird sie Teil der Konstruktionslogik.

Für Prozessingenieure bedeutet das, Systeme zu entwerfen, die weniger Energie verbrauchen, Abfall reduzieren, die Effizienz steigern und das Betriebsrisiko minimieren. Eine effizientere Anlage ist nicht nur besser für die Umwelt, sondern auch kostengünstiger im Betrieb und liefert somit sowohl ökologischen als auch wirtschaftlichen Nutzen.

Mohammad Masroor bringt es auf den Punkt: „Nachhaltiges Engineering ignoriert Kosten nicht. Es verändert die Art und Weise, wie wir Kosten verstehen.”

Nachhaltige Planung – jeden Tag

Auch wenn die Folgen von Schweizerhalle damals schwerwiegend waren, haben die daraus gewonnenen Erkenntnisse dazu beigetragen, den Ansatz der Branche in Sachen Umweltschutz und Betriebssicherheit neu zu gestalten. Sie haben deutlich gemacht, wie wichtig Entscheidungen sind, die lange vor der Inbetriebnahme einer Anlage getroffen werden. Der Fokus wurde somit von der Schadensbegrenzung auf die Entwicklung von Systemen verlagert, die Schäden von vornherein verhindern können.

Genau dieses Prinzip bildet die Grundlage für unseren Ansatz bei BakerHicks. Wir integrieren Nachhaltigkeit und Sicherheit von Anfang an – durch Fragen in der frühen Planungsphase, technische Berechnungen, Risikobewertungen, fundierte Prozessentscheidungen und die alltäglichen Entscheidungen, die letztlich bestimmen, wie eine Anlage im Laufe der Zeit betrieben wird.

Ein Prozessingenieur sieht den Nutzen für die Umwelt vielleicht nicht direkt am Ende des Arbeitstages. Doch wenn ein System weniger Energie verbraucht, Abfälle effektiver behandelt, Emissionen reduziert oder mit geringeren Risiken betrieben wird, ist die Wirkung real. Es ist das Zusammenspiel architektonischer, planerischer und technischer Entscheidungen, das all diese Nachhaltigkeitsversprechen überhaupt erst möglich macht. 

Mohammad Masroor fasst zusammen: „Nachhaltigkeitsverpflichtungen sind wichtig, aber der Fokus sollte weniger auf den Versprechungen als vielmehr auf der tatsächlichen Umsetzung liegen. Es geht darum, wie Systeme gestaltet werden, wie Entscheidungen getroffen werden und wie Verantwortung von Anfang an in die Arbeit integriert wird.“